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Michael Krämer
Die Sprache und der liebe
Gott
Ein Versuch
Es war einmal vor langer Zeit, da
fanden die Menschen eines Tages ein Wort, das sie bisher nicht gekannt
hatten und von dem sie sich auch nie hätten vorstellen können,
daß es ein solches Wort je geben werde. Eigentlich fanden es nicht
die Menschen insgesamt, sondern ein Mensch hatte es gefunden, mitten im
Gespräch über dies und das, über alltägliche Geschehnisse
und neueste Botschaften, über die Zukunft und was sie wohl so bringen
könne, über die Vergangenheit und das, was dort verloren oder
aufgehoben ist: Da auf einmal hatte ein Mensch ein Wort gefunden, oder
ein Wort, das Wort eben, hatte ihn gefunden, das sich bisher irgendwo im
Klangraum versteckt hatte. Irgendwo: zwischen „es geht“ und „gut“, zwischen
„ganz“ und „Gunst“, zwischen „Gatter“ und „Gürtel“.
Und als er es gefunden hatte oder als
es ihn gefunden hatte, sprach er es ganz unbedenklich aus. Die andern aber
fragten ihn sogleich, was er denn da eben gesagt habe. Der Mensch war selbst
nun ganz und gar erschreckt, daß er ein solches Wort gefunden hatte.
Zögernd sprach er es wieder aus. Es klang keineswegs ungewöhnlich;
dennoch schauten sich die Sprechenden fragend an. Und dann setzte ein wildes
Vermuten und Rätseln, Bedeutung-Suchen und -Verwerfen, Behaupten und
Fragen und überhaupt ein lautes und dauerndes Geschrei ein.
Die Menschen konnten sich nicht erklären,
was das Wort meine, und sie konnten es so recht auch nicht verstehen. Und
dennoch gebrauchten sie es nun, wenn sie nicht weiter wußten, wenn
ihnen kein anderes Wort einfiel, wenn sie sich ärgerten oder freuten.
Immer wieder sprachen sie dieses Wort. Und das Wort verließ sie nicht
mehr. Das Wort lautete aber: Gott.
Wörter - ungestillt. Wer von
Regen spricht, evoziert das Gefühl der Nässe. Und wer Wüste
sagt, selbst wenn er nie eine Wüste wirklich gesehen hat, vermag die
Trockenheit des Sandes im Rachen zu fühlen. Und wer es hört,
dem geht es genau so. Es gibt offensichtlich einen Großteil von Wörtern,
die einen hohen allgemein verständlichen und akzeptierten Bedeutungs-
und Erfahrungsanteil in sich haben. Natürlich sind die Erfahrungen
immer auch persönlich eingefärbt und die evozierte Intensität
und das Spektrum des Empfindens sind verschieden von Mensch und Mensch,
weil an jedes Wort, das für mich von Bedeutung ist, immer auch meine
Geschichte angeschlossen ist und ihm Farbe und Klang gibt.
Es gibt aber auch weniger gefüllte
Wörter, Wörter, die jeder Mensch immer wieder mit Bedeutung versorgen
muß, die im alltäglichen Gespräch der Erklärung bedürfen,
selbst wenn wir im Eifer des Sprechens davon ausgehen, daß wir uns
auch ohne Erläutern verstehen. „Gut“ und „Böse“ mögen solche
Wörter sein, wiewohl sie noch eine gewisse gesellschaftlich akzeptierte
Verbindlichkeit haben; „Trauer“ und „Glück“ sind solche Worte, überhaupt
viele Worte, die Empfindungen signalisieren: Sie sagen, daß solche
Empfindungen da sind bei den Sprechenden wie bei den Hörenden, augenblicklich
oder potentiell. Aber wie sich das Gesagte je einzeln und individuell anfühlt,
das läßt sich allenfalls als Geschichte erzählen. Das Wort
selbst sagt darüber wenig, es steht sozusagen als Kürzel für
eine Geschichte. Und unser alltägliches Sprechen kann diese Geschichten
herholen, sie den Wörtern und zwischen die Wörter einlagern.
So geht - im besten Sinne - Gespräch. Immerhin käme niemand auf
den Gedanken zu bestreiten, daß diese Wörter eine Wirklichkeit
benennen, die jedem Menschen als Möglichkeit zugänglich und erfahrbar
ist. Aber das ist ein lang bekanntes Problem der Sprache.
Und dann gibt es eben noch die andern
Wörter, wenige vielleicht nur, die da sind, ohne daß jemand
mit Sicherheit sagen könnte, daß, was sie benennen, auch ist.
Sie vermögen heftigste Emotionen auszulösen, sie werden als Erfahrungsträger
behauptet, ihnen werden Geschichten mitgegeben und Botschaften angehängt,
und immer treiben sie sich zwischen den andern Wörtern herum, als
seien sie wie sie. Das löst Irritationen aus, weil sie dann bisweilen
auch wie andere Wörter angesehen werden. Aber schaut man genauer hin,
dann sind sie doch anders, ungefüllt eben, aber sie sind da. Und sie
sehnen sich nach Bedeutung in jedem Satz, in dem sie vorkommen. „Gott“
ist ein solches Wort, vielleicht auch „Liebe“.
Sprechen zwei, die sagen, sie liebten
sich, über ihre Liebe, so mögen sie immerhin beide sicher sein,
daß das Wort etwas zwischen ihnen beschreibt - obgleich niemand von
ihnen weiß, ob die Liebe des einen der Liebe des andern auch nur
ähnlich ist.
Sprechen aber zwei über Gott, gilt
nicht einmal mehr die Sicherheit des „Daß“. Und dennoch ist das Wort
aus den Sprachen der Menschen nicht verschwunden. Und solange es da ist
und weil es da ist, sehnt es sich nach Bedeutung, nach der Realität
dessen, was es bezeichnet. Und solange es da ist, macht es - zumindest
im Sprechen - wahr, was es sein könnte.
Das Wort „Gott“ ist eine Leerstelle, ein
Loch, durch das man blickt und nichts sieht, aber das Wort hält in
unserm Sprechen diese Stelle offen. Und weil es als Wort ungestillt bleibt,
weil es sich nach Bedeutung und Erfahrung sehnt, macht es - sobald man
darauf aufmerksam wird - unruhig.
Metapher. Es gibt weitere Eigenartigkeiten
der Sprache und des Sprechens, die wir alltäglich, ohne nachzudenken,
nutzen: Wir sprechen ohne zu zögern vom Herz, das jemand hat oder
nicht hat, und machen damit alles andere als eine biologische Aussage.
Geschmack, Stand, Ansehen - wenige Beispiele dafür, daß unsere
Sprache ohne eine Vermehrung des Vokabulars eine vielfache Bedeutungsvermehrung
vornimmt, durch Übertragung. Immerzu überschreiten wir ursprüngliche
Bedeutungen eines Wortes und weiten sie auf ursprünglich nicht implizierte
Bereiche aus. Davon lebt Sprache auch heute. Diesseits und Jenseits der
Ursprungsbedeutung bleiben in Zusammenhang, das zweite ist ohne das erste
nicht denkbar. Bisweilen aber geht in der Wortgeschichte die Ursprungsbedeutung
verloren und es bleibt nur die Übertragung.: „Eingespanntsein in den
Alltag“ ist eine für alle verständliche Aussage, obgleich kaum
noch jemand das Zugtier an der Deichsel oder im Joch vor Augen haben wird,
wenn er das Wort sagt.
Sprache spannt sich also über die
unmittelbare Wahrnehmung einer Wirklichkeit hinaus in Bereiche, für
die uns sonst die Worte fehlen würden. Sie überschreitet unentwegt
ihre eigenen Grenzen und erweitert sich. Begrenzungen der Benennung mag
sie nicht gelten lassen. Sie nagt am Unbenannten, bis sie es sich einverleibt
hat. Sie will „alles“ sagen. Und die Menschen wollen „alles“ zur Sprache
bringen, um dessen in der Sprache ansichtig zu werden. Das ist tendenziell
so. Es gibt auch das Ungesagte. Es gibt das Dunkle und nicht Sagbare, aber
auch dem wendet sich Sprache zu - mit dunklen Worten - und verwandelt sich
manchmal ihm an, indem sie sich selbst eindunkelt.
Zwischen Wort und Wort. Wo es nicht
gelingt, das zu Sagende ins Wort zu holen, ist es noch lange nicht der
Sprache auf immer fremd. Wenn Hilde Domin in einem Gedicht schreibt:
„Lyrik / das Nichtwort / ausgespannt /
zwischen Wort und Wort“ und wenn es stimmt, daß es kaum eine andere
Gattung des Sprechens gibt, die der Sprache so viel abverlangt oder besser:
ihre Grenzen sprengt wie das Gedicht, dann ist es sinnvoll, eine solche
Aussage genauer anzuschauen.
„Nichtwort“ und doch Sprache - so stellt
sich die Frage, was zwischen den Worten ist. Vom Laut her ist es eine Leerstelle,
aber in dieser Leerstelle ist Raum für Beziehung. Jedes lautende „äh“
oder „mh“ stört dieses Beziehungsereignis. Deswegen ist es bisweilen
mühsam „Mh“- und „Äh“-Rednern zuzuhören. Es braucht die
Stille zwi-
schen den Worten, die Platz läßt
für das Ereignis „Bedeutung“. Weil diese, hier angesiedelte Bedeutung
aber nicht materiell ist, changiert sie im Takt mit den an die Sprache
und die Sätze herangetragenen Erfahrungen. So kann der gleiche Satz,
der gleiche Text, die gleiche Aneinanderreihung von Wörtern also,
ganz unterschiedliche Gesamtbedeutung gewinnen, indem die Beziehung zwischen
den Wörtern jeweils neu organisiert wird. In der deutschsprachigen
Gegenwartslyrik, etwa bei Doris Runge oder Sarah Kirsch, ist daraus ein
eigenes Konstruktionsprinzip geworden:
Sarah Kirsch
MondGlunstRauch
Ich fahre vorwärts ich denke
Zurück weit entfernt
Ist mein Herz von früher
Zeit blieb nur ein
Lachen ich fahre also
Weiter erinnere nichts weiter
Der Text entfaltet nach unterschiedlicher
Schnittsetzung verschiedene Bedeutung:: Ich fahre vorwärts ich denke
Zurück / weit entfernt Ist mein Herz von früher / Zeit
blieb / nur ein Lachen / ich fahre also Weiter / erinnere nichts
weiter // Das ist eine zweite Möglichkeit des Lesens, neben
der ohnehin durch Versalien und Zeilenbruch bereits naheliegenden. Eine
dritte - und daneben gibt es noch weitere - wäre z.B.: Ich fahre vorwärts
/ ich denke / Zurück weit entfernt Ist mein Herz / von früher
Zeit blieb nur ein Lachen / ich fahre also / Weiter erinnere nichts weiter
//
So artikuliert sich die Abgründigkeit
von Aussagen („Bodenlos“) und die Fähigkeit von Sprache, durch das
„Zwischen den Worten“ Bedeutung zu evozieren.
Die Polivalenz von Texten, die eine eindeutige
und eindimensionale Aussage unmöglich macht, ist nicht nur Hinweis
auf die Polivalenz auch unseres Alltagssprechens. Sie macht zudem deutlich,
daß Sprache zu allem wohl mehr taugt als zu eindeutigen Aussagen.
Überall, in Struktur und Wort, ist Raum für die Anbindung eigenen
Erlebens und Erfahrens. Das erst macht Kommunikation möglich, das
macht sie schwer, und es gibt Raum für das Unsagbare. Indem kein Wort
bei sich selbst bleiben will, sondern stets die Nähe und Nachbarschaft
eines anderen sucht, das es fühlbarer, sinnlicher, reizvoller, stärker
oder schwächer, lebendiger oder gerader macht, indem daneben jedes
Wort nach Geschichten sucht, mit denen es sich füllen und kommunikabler
machen kann, zeigt sich wiederum die tendenzielle Selbstüberschreitung,
die sprachlich angelegt ist.
„Im Anfang war das Wort.“ Dem biblischen
Denken, das zusammen mit dem griechischen am Beginn der sogenannten abendländischen
Kultur steht, scheint Sprachskepsis fremd, die griechische Philosophie
- zumindest seit Platon - kennt sie sehr wohl. Die Konjunktion von „Gott
sprach“ und „es war(d)“ verweist auf die Macht, die in der Sprache und
im Sprechen erfahren wurde. Die Erzählung von der babylonischen Sprachverwirrung
ist ebenfalls ein Signal für die geradezu ungeheuerliche Kraft/Potenz,
die der Sprache zugesprochen wurde.
Wenn im Anfang das Wort steht, so schwingt
dieses Wort zwischen dem Sein Gottes und dem Nichtsein der Welt, das es
bestreitet, indem es als Wort - also bereits von Gott Geschiedenes - da
ist, wo sonst nichts ist.
Selbst dort, wo der Mensch zum erstenmal
Sprache gebraucht, indem er die Tiere benennt und sie sich damit zuordnet,
wird Sprache als geradezu selbstverständliche Form der Weltaneignung
beschrieben. Aus einem solchen Verständnis von Sprache läßt
sich auch ein immanentes Erzählen und Evozieren von Transzendenz verstehen.
Das Wort, das von dort kommt, behält auch seinen Bezug dorthin, selbst
wenn es Menschenwort ist.
Gattungsgeschichtlich mag Sprache das
letzte bisher wahrnehmbare Projekt der Evolution gewesen sein. Biographisch
steht sie immer am Anfang. Und für die Menschheit ist sie der Anfang
ihrer Menschwerdung. In Wörtern wie „Gott“ setzt sich das Projekt
Sprache immer weiter fort, weil diese Wörter immer etwas sagen, das
sie nicht meinen können, und deswegen weitere Wörter nach sich
ziehen.
Gefahr besteht darin, daß dann ein
unendliches Geschwafel beginnt, das die Leere des Wortes durch leere Wörter
erträglich machen will. Gefahr besteht auch darin, daß die Versorgung
solcher Worte mit Bedeutung und damit zumindest vorgeblicher Erfahrung
als definitorisches Machtinstrument genutzt wird und so Unterdrückung
produziert. In der kirchlichen Verkündigungssprache sind beide Gefahren
spürbar.
„Gottes quitt“. Meister Eckharts
Gedanke verweist auf Skepsis gegenüber der Benennbarkeit von
Transzendenz. Solange das Wort ‘Gott’ genannt wird, wird die Differenz
zwischen dem Gesagten und Gemeinten immer größer sein als die
Übereinstimmung. Das ist sprachskeptisches Denken, das der christlichen
Theologie seit Jahrhunderten ebenfalls eingewoben ist. Seine äußerste
Artikulation findet es in Wittgensteins Tractatus: „Die richtige Methode
der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich
sagen läßt, also Sätze der Naturwissenschaft - also etwas,
was mit Philosophie nicht zu tun hat -, und dann immer, wenn ein anderer
etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, daß er gewissen
Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat.“ ¼ „Wovon
man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“
Mythos - Geheimnis. Der Mythos ist
eine Erzählung, Fabula, Gesagtes, also auch Fatum. Er ist eine Orientierungserzählung,
die ihren Ursprung als nicht im Bereich der Menschen liegend angibt. Dies
ist auch eine Form der Verordnung. Darin liegt das Fatale.
Solange die Reflexion den Mythos in Ruhe
läßt, verortet er die ihm Lauschenden in der Welt, selbstverständlich,
weil unbefragt. Wendet sich Reflexion, Philosophie, ihm zu, setzt eine
Anstrengung ein, der sich manche nicht gewachsen fühlen wollen. Alles
„Häusliche“ in der Welt scheint verloren zu gehen. Das Denken läßt
Strukturen und Komplexität in der Welt aufscheinen, die sich nicht
mehr erzählend einordnen lassen, sondern in begrifflicher Anstrengung
durchdrungen werden wollen.
Dann werden zur eigenen Lebensstabilisierung
oft Reservate für den Mythos eingerichtet, eins dieser Reservate heißt
„Geheimnis“ und ist ein äußerster Denkschutz. Denn „Geheimnis“,
zumal wenn irgendetwas ausdrücklich mit solchem Wort etikettiert wurde,
ist unantastbar. Solche Reservate werden in Zeiten wie der unseren, da
die Komplexität von Welt, Leben und Gesellschaft sich dem Denken kaum
noch erschließen will, geöffnet und zu Schutzzonen für
jene, die diese Anstrengung nicht wollen. Dann jedoch wird das Reservat
zur Welt erklärt und die Welt zum bösen anderen, zum Müll
bespielsweise. Und der Anschein gibt den so Sprechenden auch noch recht.
Die Wiederentdeckung des Mythischen, in
der Esoterik oder einer popularisierten (und damit verdorbenen) Mystik
beispielsweise und eine damit einhergehende Sprache des Geheimnisvollen
und Hehren hat nicht mit der Arbeit an einer Sprache der Transzendenz zu
tun; und es macht die Anstrengungen, die Transzendenz der Sprache aufzudecken,
zunichte.
Das Geheimnisvolle, das da am Werk ist,
ist jenes Geheimnis, das zunächst in die Sätze hineindefiniert
wird, damit es dann wieder herausgelesen werden kann. Es dient der Etablierung
von Sondersprache, einer „Reservatssprache“ sozusagen, die ihre Verbindung
zur Sprache des Alltags und damit auch die Möglichkeit, deren Überschreitungen
und Überschreitbarkeit erfahrbar werden zu lassen, aufgibt. Eine Sonder-
oder Gruppensprache in diesem Sinne hat zwar ein- und ausgrenzende Fähigkeiten
und mag damit die sie Verwendenden schützen und stärken. Sie
vermeidet aber gerade, was in der Sprache christlicher Religion und Theologie
implizit als Chance auch immer enthalten war - tendenziell zumindest: Das
Projekt einer Übersetzung von allen Sprachen in alle Sprachen. Sie
storniert die Hoffnung, daß in der Übersetzung der Biblia, der
Ursprungsdokumente des Christentums, ein Mehr an Erfahrung sich ereignet:
indem nämlich die anderen Sprachen eingelebten und eingewobenen Erfahrungen
in der Übersetzung zu klingen beginnen. Sie storniert letzten Endes
die Hoffnung darauf, daß in einer grundsätzlichen Übersetzbarkeit
sich auch die grundsätzliche Möglichkeit eines universalen Diskurses
darüber eröffnet, wie Leben menschlich lebbar und wie Welt menschlich
bewohnbar sein könnte. Das Geheimnis ist der Feind nicht nur des Denkens.
Als Sprach- und Denkverbot ist es feindlich auch dem Menschen selbst, der
eine transzendierende Sprache zu seiner Menschwerdung braucht: Infans,
das Kind, das noch nicht sprechen kann, wird, wenn es nie die Sprache in
ihrer Vielseitigkeit erlernt, infantil.
A und W.
Ein Gott, der sich in seinem Anfang und Ende umfassenden Sein als A und
W beschreibt, weist sich damit nicht nur aus als ein Gott, der in der Sprache
erscheinen will, sondern als ein Gott der Schrift, als ein Gott, der sich
zwischen dem ersten und letzten Buchstaben des Alphabets finden läßt,
es ist also nicht nur ein poetischer, sondern auch ein literarischer Gott,
der im Judentum wie im Christentum genannt ist.
Die Bindung des Gottesnamens an Sprache
und Schrift wird für jene, die von diesem Gott sprechen wollen oder
müssen, zur Chance und zur Legitimation. Es ist eben kein Gott, der
abgeschirmt im Temenon , im Templum bzw. in einer heiligen, abgesonderten
Sprache lebt, sondern ein Gott des Alltags und der Alltagssprache. Allerdings
bleibt bei all dem zu berücksichtigen, was oben über die „Leerstelle“
gesagt wurde, die das Wort Gott darstellt. Die Biblischen Schriften sind
nichts anderes als der Versuch, dieses Wort in immer wieder neuen Geschichten
zu füllen. Natürlich sind diese Geschichten kontextverhaftet,
d.h. sie bedürfen der immerwährenden Übersetzung.. Bleiben
sie unübersetzt oder werden sie auf einer bestimmten historischen
Sprach- und Erfahrungsebene ein für allemal festgeschrieben, gerinnen
diese Geschichten zu Mythen, die nicht mehr erweiterbar, also nicht mehr
übersetzbar sind. Aber sie stehen damit dann auch im Widerspruch zu
jeder Religion, die von Lebendigkeit zu sprechen verpflichtet ist. Es geht
dann nicht mehr um Verkündigung im Sinne von Aktualisierung, sondern
nur noch um Verkündung im Sinne von Weitergabe des einmal Erworbenen.
Erzählen ist dann unmöglich. Und der Gott, den Sprache als offene
Ahnung evozieren will, wird dann zum Gefangenen der Sprache und kann wohl
kein Gott mehr sein.
Erzählungen sind subversiv. Wer zu
erzählen beginnt, weiß nicht so recht, wo es mit seiner Erzählung
hingeht. Darin ist die Erzählung dem ähnlich, was erzählt
wird, dem Leben. Im Erzählen geschieht immer wieder Überraschendes.
Davon lebt die Erzählung. Erzählungen haben - auch wenn sie Vergangenheit
sagen - dadurch einen eigenartigen Bezug zur Zukunft. Denn das Vergangene,
das erzählt wird, ist dem Erzählenden, solange es noch nicht
erzählt ist, Zukunft. Einer Sprache, der die Geschichten verloren
gehen, weil in ihr nicht mehr erzählt wird, wird unfähig, nicht
nur Menschengeschichten zu erzählen, sondern auch Zukunft perspektivisch
zu entwerfen. Daß Sprache Zukunft narrativ entwerfen kann, macht
wieder einmal ihre grundsätzliche Fähigkeit zum Transzendieren
deutlich. Solch erzählte Zukunft, an der jede Erzählung Anteil
hat - zumindest dadurch, daß sie das Zufällige kontextuell einbindet,
also seiner Kontingenz entreißt - bleibt nicht wirkungslos für
die Gegenwart, in der erzählt wird. Das ist gefährlich für
jene, die am jeweiligen Statusquo Interesse haben: Erzählungen sind
nicht zähmbar. Schon der Versuch dazu vertreibt sie oder macht sie
vollkommen uninteressant. Erzählungen sind Modelle und Angebote. Sie
eröffnen Handlungsräume, ohne sie festzulegen. Sie gleichen damit
den „ungestillten Wörtern“: Während diese Wörter nach Bedeutung
suchen, suchen die Geschichten, die erzählt werden, nach Leben. Während
die Bedeutung jener Wörter sich öffnet für die Erfahrung
der sie sagenden Menschen, öffnet sich das Leben, das erzählt
wird, für die Frage nach seinem Wohin. Und vielleicht trifft sich
das ungestillte Wort „Gott“ am Ende mit dem „Dahin“ erzählten Lebens.
Heute ist „morgen“ immer nur ein Erfahrungswert:
Wir glauben, es gebe ein Morgen, weil es bisher nach jedem Heute ein Morgen
gab. Morgen bleibt aber ungewiß, obwohl es als Wort in der Sprache
vorkommt. Morgen ist das Erwartete, Erhoffte, manchmal auch Befürchtete.
In seiner Benennung ist es immer Überschreitung von jetzt und gerade
und heute.
Jedenfalls macht eine solche transzendenzfähige
Sprache eine Sprache der Transzendenz zur unaufgebbaren Aufgabe, nicht
um Gottes willen, sondern weil ohne eine Sprache der Transzendenz die Sprache
des Alltags ihre Fähigkeit verliert, Zukunft und damit perspektivisch
Menschwerdung von Menschen aufzurufen.
Wer allerdings von Funktionalisierung
lebt, muß Geschichten unmöglich machen. Und eine Gesellschaft,
der Funktionalität zum ungeschriebenen Gesetz ihrer Existenz wird,
mag sich damit zwar auf Dauer entmenschen, aber wenn sie als solche Bestand
will, wird sie das Erzählen verhindern müssen. Erzählungen
sind per definitionem unfunktional, ja geradezu gegenfunktional: subversiv.
Glauben sprechen. Unter der Voraussetzung
der angestellten Überlegungen wird der Versuch, christlichen Glauben
zur Sprache zu bringen, immer in der Spannung zwischen Narrativität
und Reflexion stehen. Schon das Wort „Glauben“ selbst ist ein Verhältniswort,
die Beschreibung eines Unternehmens auf jemanden oder etwas hin. Seine
Bedeutungsgeschichte (!) ist eben nicht ein statisches „Nichtwissen“, sondern
„sich etwas liebenswert machen“, es sich also auf leb- und liebbare Weise
anzueignen.
Das Erzählen hat in diesem Zusammenhang
den Sinn, das ungestillte Wort Gott mit erfahrenem Leben zu umkreisen.
Es wird dieses Wort nie treffen, aber es wird einen Ort und eine Zeit schaffen,
wo das Ungestillte als Leerstelle, als Durchreiche offen bleibt für
die Erfahrung von Sehnsucht sich weiten wollender Endlichkeit. Das Erzählen
öffnet in diesem Sinne Zukunft.
Die Reflexion verhindert, daß erzählte
Bilder von Zukunft ihren Leerstellencharakter verlieren. Sie befragt das
Erzählte und hält so die Notwendigkeit weiteren Erzählens
aufrecht. Sie überprüft aber auch den Zusammenhang von Urprungserzählung
und Gegenwartserzählen. Sie schließlich öffnet das Erzählen
auf jenen oben genannten Diskurs hin, dem es synchron und diachron um die
Frage geht, wie denn menschliches Leben sich als Menschwerden entfaltet.
Diese Perspektive macht es unmöglich,
Rezepte für eine „Sprache des Glaubens“ zu geben. Aber sie ermöglicht
eine Kritik jeweils gesprochener Sprache des Glaubens. Sie befragt sie
auf ihre Nähe und Integration im Blick auf die Alltagssprache. Sie
befragt ihr vorgebliches Wissen, das es nicht geben kann. Sie überprüft
ihre Redlichkeit in der Benennung von Erfahrungen. Sie weist sie darauf
hin, daß es um das Umkreisen der Leerstelle Gott geht und nicht um
deren Ausfüllen. Sie macht das Sprechen von Geheimnis und das Lauten
hehrer Worte unmöglich. Und sie fragt nach der Zärtlichkeit,
die im Wort „Glauben“ angelegt ist und die in einer Sprache des Glaubens
Widerschein finden müßte. Sie kritisiert Indoktrination und
fordert den Fluß. Sie verlangt das Sprechen von Zukunft und weist
erratische Zukunftsbilder ab. Vor allem aber fragt eine solche Perspektive
immer wieder danach, ob jenes Morgen, von dem der Glaube meint erzählen
zu müssen, heute bereits spürbar ist und gestern spürbar
war. Sie will Raum für die Überraschung. Weil Transzendenz immer
das andere, das ganz Andere ist.
Es wird einmal sein in ferner Zeit,
da erzählen sich die Menschen die Geschichte von der babylonischen
Sprachverwirrung neu. Dann wird man sagen, daß all die Geschichten,
die in all den Sprachen erzählt wurden und erzählt werden, viel
mehr sind als die Geschichten, die in einer Sprache je hätten erzählt
werden können. Dann werden die Menschen sagen: Es war gut, daß
wir viele Sprachen gelernt haben, weil jede Sprache anderes weiß
über die Welt und das Leben und in jeder Sprache die Menschen anders
umgehen mit sich und der Welt. Und sie werden diese Geschichte nicht mehr
lesen als eine Geschichte der Bestrafung, sondern als eine Geschichte der
Hoffnung und Weitung. Sie werden von der Mühsal und der Anstrengung
erzählen, die diese Weitung gekostet hat, von Mißverstehen und
von Feindschaft. Und dann werden sie durch ihre Sprachen auf die Welt schauen
und sagen: Seht, so ist die Welt. Es ist vieles da, das wir benennen können.
Und es gibt eins vor allem, das wir nicht benennen können, und sie
werden ihre Wörter für das Unbenennbare sagen: Allah, Elohim
und deva, Gott und god und dieu.. Und wenn sie sich erzählen, wie
sie gesucht haben in dem Leeren, das da zur Sprache, in die Sprachen kommt,
dann wird - vielleicht - diese Leerstelle sich klären und einen Blick
freigeben auf das Unbenennbare.
Kleine Nachbemerkung. „Gott m. mhd.
got, gotes Die Form des anord. und got. Wortes ist neutr. , das Genus (unter
christl. Einfluß) mask.;*ghu als idg. Wurzel erscheint in ‘hu’
- Götter anrufen. So aufgefaßt wäre Gott „das angerufene
Wesen“ .
Gott ist also ein „ungestilltes“ Beziehungswort,
so wie „Religion“ (von religere) ein Beziehungswort ist (liebend verehren)
und wie „Gnade“ ein Beziehungswort ist (sich zuneigen). Im Wortfeld von
Religion - Gnade - Gott findet offensichtlich menschliche Sehnsucht nach
Beziehung und Bezogensein, nach Nähe und Gewogensein, nach Selbstüberschreitung
auf ein Du hin Ausdruck. Und jenes Du, als das ganz andere, ist, inkarnatorisch
betrachtet und auch nach dem Schöpfungsbericht, jener Spiegel, in
dem wir sehen mögen, was wir werden könnten: Menschen.
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